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Meine "persönliche" Epitaph-Story
 
 

1971 - 72 Es muss im Frühjahr 1972 gewesen sein; wenige Wochen vorher hatte ich mit meinem Neckermann-Tonband Stücke der ersten Epitaph LP aufgenommen. Die Platte war bereits im Herbst 1971 erschienen.
In meinem Geburtsort am Rande des Westerwalds ging es zu dieser Zeit recht gemächlich zu. Eine Discotheque (wurde tatsächlich so "modern" geschrieben): "Blue Night Keller", eine Eisdiele, ein Radio- und Fernsehgeschäft mit einer winzigen Plattenabteilung und natürlich mein Elternhaus und meine Lehrstelle.
Zwischen diesen Eckpunkten sollte sich also meine Jugend abspielen. Eines Tages kam ein Kumpel ganz aufgeregt in die bereits genannte Disko: "Epitaph wohnen jetzt in der Gartenstrasse!" "Was, wie wo?" Kurz zuvor hatte Radio Bremen "Early Morning" im Beat Club ausgestrahlt.
Und tatsächlich in dem kleinen Häuschen wohnten plötzlich die Jungs von Epitaph und eine beachtliche Schar an Mädels und Hunden. Der blaue Transporter mit dem Autokennzeichen "H" vor der Haustür sollte fortan unter der "Observation" der gesamten Bevölkerung stehen. Manchmal kamen befreundete Bands (z.B. Grobschnitt) auf ein Tässchen Tee*g* vorbei. Diese "Ereignisse" sprachen sich in Windeseile rum.
In dem Laden in der Rheinstrasse (hier hatte ich meine allererste Single "Honky Tonk Women" von den Stones gekauft) stand plötzlich das Erstlingswerk von Epitaph. Hinter dem Tresen bediente eine kleine Frau mit rundlichen Gesicht die spärliche Kundschaft. Da ich hier schon als 13-jähriger mit "Sie" angesprochen wurde, stand dieses Geschäft nicht nur wegen der Plattenabteilung ganz oben in meiner Gunst. Mein Lehrlingslohn war in diesen Tagen leider schon aufgebraucht, daher ging ich in das Geschäft, um die Platte ganz nach hinten zu stellen, bevor einer meiner Freunde sie entdeckte. Dieses Ritual wiederholte ich über einen Zeitraum von ca. vier Wochen jeden Freitag und Samstag. Zurückblickend wundert es mich immer noch, dass die Verkäuferin so höflich geblieben war. Eines Tages hatte ich allerdings die 21 DM zusammen und mein Ansehen war wiederhergestellt.

Epitaph hatten sich Ende der 60'er in Dortmund formiert: Cliff Jackson (git, voc) und Jim McGillivray (dr, voc) - beide Engländer - plus Bernd Kolbe (b, voc). Zu ihnen gesellte sich noch Klaus Walz (git, voc). 1971 siedelte die Gruppe nach Hannover um. Von hier ging es in die Studios nach London zur Aufnahme ihrer ersten Langspielplatte. Die Band war vorher bei zahlreichen Auftritten positiv aufgefallen. So war es für Polydor ein gesichertes Wagnis eine Platte mit der Band aufzunehmen. In dem Londoner Studio entstand auch die eigenständige Single "London Town Girl" b/ Visions 7" Polydor 2041 201 (1971).
Gut kann ich mich an jenen Sonntagnachmittag erinnern, an dem wir -mal wieder- vor dem "Keller" rumlungerten und Cliff & Co. samt Anhang die Straßen entlang kamen. Es hatte schon etwas von "Spiel mir das Lied vom Tod" - nur im friedlichen Sinne: 3 - 4 Typen, "Matten" bis zum Po, dunkle Maxi-Mäntel und im gebührenden Abstand die "mutmaßlichen" Freundinnen und etliche Hunde. Wer wollte da nicht Rockmusiker sein… obwohl, auf die Hunde hätte ich gut verzichten können, Katzen waren mir eh lieber. Wenige Wochen später erschien das für mich beste Album der Band: "Stop, look and listen".

1972 - 73 Der Sommer kam & ging und im September '72 stand das Festival am Deutschen Eck an. Wie leider zu dieser Zeit nicht unüblich, hatten einige Bands ihren Auftritt platzen lassen. Zur Entschuldigung muss erwähnt werden, dass es sehr oft personelle oder technische Ursachen dafür gab. Jedenfalls wurden kurzfristig Epitaph für das Free - Festival in Koblenz engagiert. Die vier Musiker zeigten sich in Bestform. Der Titelsong der zweiten LP wurde mit einer solchen Dynamik und Präsenz gespielt, dass fast jeder der über zehntausend Zuschauer urplötzlich zum Epitaph-Fan mutierte. Die Gruppe hatte sich mittlerweile als feste Größe in der deutschen Rockszene etabliert. Der Begriff Krautrock trifft sicherlich wenig zu - vielmehr stand und steht der British Rock Pate bei Epitaph. Für die besagte Krautrockszene waren sie "imagemäßig" immens wichtig, mindestens in derselben Weise wie Nektar als englische Band mit deutschem Standort. Also Schluss mit der ewigen Erbsenzählerei: ob nun Krautrock ja oder nein!

 

Dortmund: - 22. April 1973 
"THE GREAT EASTER CIRCUS" mit Emerson, Lake and Palmer, Soft Machine, Stone The Crows, Atomic Rooster feat.Chris Farlow, Manfred Mann`s Earthband, Jackson Heights, Epitaph, Rare Bird, Stray Dog

SCHEESSEL: Das Festival „ES ROCKT IN DER HEIDE“ 1973 fand am 8. und 9. September 1973 statt.
Argent, Buddy Miles, Chicago, Chuck Berry, East of Eden, Epitaph, Ian Carr with Nucleus, Osibisa, Karthago, Lou Reed, Manfred Mann's Earth Band, Odin, Bronco, Beggars Opera, Soft Machine, Ten Years After, Vinegar Joe, Wishbone Ash, Alexis Korner
 
Die großen Festivals 1973: Dortmund und Scheessel(siehe Plakate) wurden zu einem Triumphzug. Epitaph eilte der Ruf voraus, so manchen Headliner an die Wand gespielt zu haben, u.a. Status Quo und Golden Earring. Wenn es den abgenutzten Begriff der ehrlichen Musik(er) gab, dann traf er jederzeit für Epitaph zu, einfach immer nur das Beste geben - egal ob vor 200 oder 30.000 Zuhörer. Und ein Konzert platzen lassen? Niemals, selbst wenn der Veranstalter mit der Kohle abgerauscht war. Sie standen auf der Bühne und spielten, als ging's um den ersten Plattenvertrag. Sie haben für ihre Fans immer den Rock 'n' Roll gelebt und dafür werden sie noch heute "geliebt".
 

 

Im Herbst '73 ging es auf Tour in die Staaten und die (chaotische) Produktion ihres dritten Werkes "Outside the Law".
Unter wirtschaftlich schlecht abgesicherten Umständen wurde dieses Werk umgesetzt. Das verantwortliche Label "Billingsgate Records" stand damals bereits kurz vor der Pleite. Davon wussten jedoch die Epitaph-Leute nichts. So fand beispielsweise nur eine stümperhafte Promotion der Chicagoer Studioaufnahmen statt.
Ob Polydor bei den ersten Schritten der richtige Partner war, möchte ich in Frage stellen. Billingsgate Records setzte dem ganzen Elend allerdings die Krone auf.
Die Platte wurde trotz dieser widrigen Umstände ca. 200.000 mal verkauft - was wäre wenn...?

 


            

 

1974 - 76 Zurück in Deutschland - zahlreiche Tourneen u.a. als Support für Rory Gallager, Curved Air und Omega. Mehrfach hatte ich in dieser Zeit das Vergnügen Konzerte von Epitaph zu besuchen. Ihr Stil war deutlich "internationaler" geworden… Westcoast - Einflüsse unüberhörbar… rockig, flockig - klasse Gitarren - guter Gesang!
Ab Mitte der Siebziger kämpfte die Band dann mit erheblichen personellen Umbesetzungen. Hier eine kleine Statistik vom "Arbeitsplatz: Schlagzeug" (von Beginn bis heute): McGillivray - Achim Poret (Wielert) - Norbert "Panzer" Lehmann (ex Karthago) - Jim McGillivray (Schlagzeug) - Fritz Randow - Norbert Lehmann - Achim Poret. Das rührige Besetzungskarussell machte auch vor dem 2. Gitarristen und dem Bassisten kein Halt: K. Walz (ging zu Jane) raus, B. Kolbe raus, Heinz Glass rein, Kolbe wieder rein…
Jedenfalls muss es eine nette Truppe (gewesen) sein, denn sie kamen immer wieder zurück. So hat Jim McGillivray, bei der aktuellen CD "Rember The Daze" nach langer Zeit bei einem Song mitgetrommelt.

 

1977 - 83 1977 der erste Auftritt im WDR-Rockpalast (hauptsächlich mit Songs von "Outside the Law") und damit die Anerkennung ihres musikalischen Schaffens. Zwei Jahre später wiederholt der Ruf aus Köln. Damit stehen Epitaph im heimlichen Olymp der britisch-deutschen Rockgruppen. Zwischenzeitlich hatte man zum "krautgeschwängerten" Label Brain/ Metronome gewechselt und realisierte ""Return to Reality". Die späteren Werke ("See you in Alaska", "Live" und "Danger Man") fanden aber kaum noch Beachtung. Zwischenzeitlich hatte die Neue Deutsche Welle den Musikmarkt überschwemmt und für anspruchsvolle Rockmusik wurde die Luft immer dünner. Beliebt war die Band immer noch auf großen Festivals, als Granat für feinsten und anspruchsvollen Rock. 

 
 
Cover Rückseite :: See you in Alaska
 
   
Cliff (li) und Heinz Glass (re)
 
80'er LIVE Line up mit : Luitjen "Harvey" Janssen (Bass) und Fritz Randow (Schlagzeug)
Beide bekannt von der
Eloy Floating-Besetzung
 

Mitte der 80'er löste Cliff Jackson die Band auf. Die nächsten Jahre spielten sich Cliff und Co. durch die Rock- und Country-Landschaft.

 

2000 - 07 2000: die Auferstehung im 21. Jahrhundert - die Verträge mit den alten Companys (für Kingdom + Domain) waren ausgelaufen und so hieß es: auf zu neuen Ufern. Eindrucksvoll und kraftvoll meldete sich die Band in der Besetzung Jackson, Glass, Kolbe und Poret zurück. Festgehalten auf der CD: "21. Century Tour".
Im April 2004 sah ich Epitaph nach über 20 Jahren endlich in der Fabrik in Hamburg wieder und spürte, dass die Band genauso gut rüber kam wie in den frühen Siebzigern. Keine Anzeichen von Verschleiß und "Stop, look and listen" und die Stücke von "Qutside the Law" entwickelten immer noch die gleiche Power und Begeisterung vor und auf der Bühne.
Ende 2004 dann der dritte Auftritt (bzw. Aufzeichnung) für die WDR Kultsendung "Rockpalast". Die "Winner" der beiden Abende im Dez. 04 in der Harmonie (Bonn) waren ohne Zweifel Epitaph. Während man bei den anderen Bands deutliche Schwächen entdeckten konnte, überzeugten sie nach über 30 Jahren immer noch mit Spielfreude und Können. Wenige Wochen später die Ankündigung wieder gemeinsam ins Studio zu gehen und ein Album mit neuen Songs zu produzieren.

 
Beide Festivals wurden leider abgesagt - verdammt schade!
 

Für die jetzt erscheinende CD "Remember The Daze" drücke ich den Jungs die Daumen.
Wenn ich Cliff richtig verstanden habe, ist für Herbst 2007 eine Tour in Aussicht gestellt.
©März-2007 guenther@krautrockseite.de

 
 
 
 
Diskografie 1971 - 2001
 
EPITAPH (1971)
LP Polydor 2371 225 (Herbst 1971)
STOP, LOOK & LISTEN (4/72)
LP Polydor 2371 274 (1972)
 
Autumn '71 / Are You Ready
7" Zebra 2047 003 (1973)
WE LOVE YOU, ALICE / Paradise For Sale
7" Zebra 2047 005 (1973)
 
OUTSIDE THE LAW (11/74)
Membran 22-131-1 (1975)
RETURN TO REALITY
LP Brain 60.185 (1979)
 
SET YOUR SPIRIT FREE / SUMMER SKY
7" Metronome 30.177 (1979)
HANDICAP (1971-72)
2LP Babylon 80.002 (1979)
 
SEE YOU IN ALASKA
LP Brain 60.274 (1980)
LIVE (26-28/12/80)
LP Brain 60.385 (1981)
 
DANGER MAN (2/82)
LP Rockport RO 014 (1982)
The 21 CENTURY TOUR
The Reunion Concert 2000
Artikel Nr. 1002 (2001)
 

Der Krautrockpalast Dez. 2004


 

Trackliste beim Krautrock Meeting:
Woman / Big City / Fresh Air / Reflections / Tequila Shuffle 
>> So ändern sich Zeiten und Ansichten: Wurden deutsche Bands der 70er Jahre mitunter müde belächelt, hat sich der Begriff Krautrock mittlerweile zum Qualitätssiegel gewandelt. Seit sich immer mehr (US-/UK-)Musiker dazu bekennen, von Krautrock-Bands beeinflusst zu sein, sind nicht mehr nur Elektroniker wie Kraftwerk oder Tangerine Dream gesellschaftsfähig. Krautrock erlebt seit einigen Jahren eine Renaissance, etliche Bands produzieren und touren noch oder wieder. Das vom WDR-Rockpalast Ende 2004 in Bonn dokumentierte Krautrock Meeting liegt nun, mit interessanten Interviews aufbereitet, als Doppel-DVD vor. Weitgehend in Originalbesetzung (Epitaph, Karthago, Peter Pankas Jane, Amon Düül II) oder als Sammlung junger Musiker um ein verbliebenes Ur-Mitglied (Noske/Birth Control bzw. Neumeier/Guru Guru) entfachen alle Bands eine stürmische Begeisterung. Zu hören sind unter anderem Klassiker wie Gamma Ray oder Der Elektrolurch. Historisch.<< (aus HAMBURGER ABENDBLATT)

 
 
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Fotos: Epitaph-CD Booklets und eigenes Archiv