Januar 1964.
Koblenz.
Johannes Müllerstraße 8.
Unbeheiztes Zimmer einer Mietwohnung. Schiebe mir den altersschwachen Holzstuhl unter. Stülpe den
blechernen Waschmitteleimer kopfüber zwischen die Knie. Der Eimerboden,
mit winzigen Nägeln bestreut, dient meinen Schlagzeugübungen als
Snare-Drum. Vor mir, lose auf die Kaffeetasse platziert, der Blechdeckel
des Eimers, mein Ride-Becken. Beide Hände halten je einen Zeichenstift.
Die Rechte schlägt mit dem Zeichenstift Achtelnoten auf den Blechdeckel.
Gleichzeitig betont die Linke Viertelnoten auf dem Bodenblech. Jetzt noch
beide Füße ins rhythmische Geschehen bringen. Mangels Bass Drum, klopft
die rechte Fußspitze die erste und die dritte Note auf den Holzfußboden.
Die linke Fußspitze wippt im Gegentakt mit - die hinzugedachte Hi-Hat. In
meinem Kopf gesellt sich "Sweets
for My Sweet" der
Searchers "Live im Star Club" zum rhythmischen Gefüge. Meine
ersten Heroes an den Drums: Chris Curtis, Brian Bennett, Charlie Watts.
07. Februar 1964. Finale Entscheidung! Zuerst den Blecheimer als
Papierkorb zurück in seine angestammte Zimmerecke. Danach zur Firmungstrasse/
Koblenz.
Dort, drei Häuser neben dem "Truxa",
auf der ersten Etage, hat der greise Musikalien-
und Instrumentenhändler Schmidt
seinen Laden. Ich werde Schmidt meinen Lehrvertrag und den aktuellen
Lohnstreifen vorlegen. Vielleicht wird er mir dann eine Ratenzahlung
einräumen. Wenn´s klappt, übe ich ab morgen am echten Schlagzeug.
Sogleich zieht ein kompaktes Ludwig-Schlagzeug meinen Blick an sich. So
eines, wie ich es auf Fotos mit Ringo Starr gesehen habe. Verkaufspreis:
5000 DM - ohne Zubehör. Daneben ein Drum Set der Nobelmarke Gretsch, wie
es Charlie Watts bespielt. Ein Weiteres der Marke Rodgers. Drei
Weltmarken! Im Besitz eines dieser Schlagzeuge, hätte ich gute Karten,
bei etlichen Koblenzer Beat Bands einzusteigen. Schmidt beäugt mit dem im
Krieg unversehrt gebliebenen Auge meinen Lehrvertrag. Schmidt nimmt meinen
aktuellen Lohnstreifen in Augenschein. Schmidt zieht nachdenkend den
Lohnstreifen mehrfach durch Daumen und Mittelfinger. Dieweil tippe ich
ungeduldig mal Paiste - mal Zildjian-Cymbals an. In Anbetracht meiner
monatlichen 60 DM Lehrlingsbeihilfe, davon ich die Hälfte Zuhause
hinblättern muss, entwirft Schmidt schließlich einen maßgeschneiderten
Ratenkaufvertrag von monatlich 25 DM. Der Gesamtkaufpreis für das
Schlagzeug beträgt 298 DM. Leiste meine Unterschrift und eine Anzahlung
von 50 DM. Damit bin ich stolzer Besitzer eines namenlosen
Miniaturschlagzeugs für Kleinkinder und Säuglinge.
Baldige Verbannung meines Kinderschlagzeugs wegen häuslicher Ruhestörung
aus dem Zimmer der Mietwohnung in die muffige Enge des düsteren
Kellerverschlags. Feuchtes Gemäuer, auf dem weiße, wattebauschige
Salpeterkristalle ausblühen. Rundum türmt sich sperriges, Spinnweben
überzogenes Gerümpel. Dem Schlagzeug bietet sich ein freier Stellplatz
nur noch auf dem frisch aufgetürmten Kohlehaufen, gegenüber der
vermodernden Holzkiste, in der verschrumpelte Winterkartoffeln hüfthoch
auskeimen. Also wird dem Kohlehaufen eine Plattform aus
zusammengestückelten Baubrettern aufgesetzt. In den folgenden Wochen Ort
meiner Schlagzeugübungen.
Im März Umzug! Eine unbeheizte Baracke am Bahndamm, hinter dem Handelshof
(im Bereich der heutigen Dammstrasse). Nutzung und Miete teilen sich der
Spielmannszug des Sudetendeutschen Heimatvertriebenenverbandes mit den
Amateur-Musikern des Koblenzer Jazz Club´s. Dank der Initiative meines
Berufschulkollegen Rossbach Junior, ermöglicht Rossbach Senior, (Spiritus
Rektor des Jazz Club´s) dass "Koffer" am Bass, Jürgen an der
Rhythmusgitarre und ich am Schlagzeug manche Sonntage in der Baracke
kostenlos üben können.
Ab August üben wir ohne Jürgen in der Gneisenau
Kaserne. Harald
von Hellborn leistet dort
Wehrdienst. An den dienstfreien Wochenenden müht sich Harald in dortiger
Schulungsbaracke an der E-Gitarre. "Koffer" am Beatles-Bass ist
bemüht, Harald zu folgen. Ich klopfe den Rhythmus für beide. Nur nicht
mehr auf dem Schlagzeug für Kleinkinder und Säuglinge, sondern auf
meinem neuen "RKB"-Schlagzeug für Ausgewachsene.
Oktober 1964. Eine Ehrenbreitsteiner
Tanzbar. Jetzt bin ich16 und
Mitstreiter eines Quartetts, welches der Bassist und Sänger Bernd
Merzbach alias Bernd
Loskill (Foto
li.) zusammengerufen hat.
Bisher beschallte Bernd das Kellergewölbe des "Black
Bottom" mit den "Shouters".
Blues- und Beatklänge waren dort angesagt. Auch Jazzer des
"Koblenzer Jazz Club" mit dessen Gründer Hans
Rossbach hatten im
"Black Bottom" zu selbiger Zeit ihr Domizil. Dieser Umstand
hielt Bernd nicht nur über die Jazzaktivitäten vor Ort auf dem
Laufenden, sondern brachte ihm, zur vorteilhaften Erweiterung seines
musikalischen Horizonts, Musikproduktionen der internationalen Jazz Szene
zu Gehör. Denn Hans Rossbach, seit Beginn der 50er beherzter Jazz
Promotor, importierte paketweiße amerikanische Jazz Labels für die am
Modern Jazz interessierten Koblenzer. Ergänzend hielt Rossbach Vorträge
zum Thema Jazz im Amerika
Haus in der Schlossstrasse.
Konsequenterweise veranstaltete er auch die ersten Jazz Konzerte in
Koblenz. Zuerst mit Albert
Mangelsdorff und dessen
Kollegen aus der Frankfurter Jazz Szene. Bald verpflichtete Rossbach auch
internationale Jazz-Größen. Das Oscar Peterson Trio gastierte Anfang der
60iger im Saal des Lesevereins in der Eltzer
Hof Strasse. In diesem
Kontext vertraute mir Bernd Loskill einmal an, dass Jazz-Bassisten wie Ray
Brown oder Charles Mingus für die Entwicklung seiner eigenen
Bass-Philosophie nicht weniger Inspirationsquelle seien, als Bill Wyman
von den "Stones" oder der Bassist der Shadows Brian "Liquorice"
Locking.
Nun
also betraten Bernd Merzbach (b+voc), Otto
Veek (lead-git+voc), "Grazy
Mampfi" (rhyth-git+voc),
Rick Loef
(dr) (Foto re.)
die Bühne der
Tanzbar
in Ehrenbreitstein. Dort
wollten wir in typischer Beat Band-Besetzung den neuen Sound unserer
Generation performen. Für dieses Vorhaben brachten die drei Erstgenannten
bereits eine Menge musikalische Bühnenerfahrung mit, welche mir, dem
Debütanten an den Drums dagegen vollständig fehlte. Nun aber dreimal
wöchentlich Live auf dem Podium, wuchs das Schlagrepertoire an den Drums
und gleichwohl die Bühnenerfahrung. Und so etablierten wir uns für die
restlichen Wochen des Jahres 1964 in Ehrenbreitstein. Auch im neuen Jahr
1965 ging es an selbiger Stelle wie gehabt weiter. Mitten ins Geschehen
platzte ein Angebot der wohl einzigen professionellen Koblenzer Beat Band
jener Tage. Mit einer Mischung aus Wehmut und Freude, stimmen wir zu, dass
Bernd Merzbach demnächst als Vollprofi bei den Rebbels
einsteigen würde. Deren Mitglieder wurden von Peter
Kiefer in Teilen gerade neu
besetzt. Während unseres Abschieds-Gig´s, der zu einem besoffenen
Abschiedshappening auswuchs, vollzog Mampfi einen
"Initiations-Ritus" an Bernd. Mampfi´s Absicht dahinter: Bernd
auf den Namen "Bodylove" zu taufen. Ich weiß nicht, war´s im
Hinblick auf die aussichtsreiche Zukunft mit den Rebbels ? - jedenfalls
entschied sich Bernd gegen Bodylove und für den Namen Loskill.
Noch in derselben alkoholgeschwängerten Nacht, entschieden wir Übrigen,
die Umbenennung des bisherigen Quartetts. Ab dem nächsten Gig sollte das
verbleibende Trio "The Brain Amputated" heißen! Einer der
Amputierten war der oben bereits erwähnte Otto Veek. Ein ausgebuffter
Tanzmucker und phänomenaler Conferencier im "hohen" Alter von
35. Im Trio, wie schon zu Zeiten des Quartetts, ging Otto nach den Gigs
zur Rhein-Zeitung
in die Stresemannstrasse,
um nächtens das druckfrische Papier in Lkw´s zu verladen. Dagegen fuhren
Bernd, Mampfi und ich auf einen nächtlichen Imbiss, entweder zur
Raststätte an der B9 oder in die Koblenzer Altstadtkneipe Zum
Wutze Fred, wo neben
allerlei zwielichtigen Nachtschwärmern die Straßenhuren zwischen den
Nummern pausierten.
Einmal fragte ich Otto den Multiinstrumentalisten, welches Instrument er
eigentlich nicht spielt, weil man so schneller zum Ergebnis kam als
umgekehrt. Bislang jedenfalls hatte Otto Veek die Lead-Gitarre inne
gehabt. Jetzt, nach Bernd Loskill´s Weggang, also im Trio, hing er sich
wechselweise die Bass-, Solo- oder Rhythmus-Gitarre vor das Hawaii-Hemd
aus Nylon, sein bevorzugtes Bühnen-Outfit, seitdem er die Beach Boys und
deren Surf-Musik für sich entdeckt hatte. Aloha !
"Grazy-Mampfi", ein hoch gewachsener, lebhafter, gut aussehender
Strahlemann mit blitzend blauen Augen unter dem pechschwarzen Haar, wurde
von manchen Leuten schon mal "Mampfi das Arschloch" geheißen.
Weil er, und das schon während seiner Mitgliedschaft in Deli
Del´s Band im "Black
Bottom", auf manchen üblen Scheiß aus war. Angst vor einer
drohenden Schlägerei war ihm fremd. Während einer seiner zahlreichen
Euphorieattacken, zerstörte "Grazy-Mampfi" Deli Del´s
Binson-Verstärker mit einer rituellen Biertaufe. Zwischen solchen aber
hauptsächlich musikalischen Aktivitäten in Deli´s Band, war Mampfi
Mitstreiter von Otto Veek und Bernd Loskill im "Black Bottom".
Diese Zwei verstanden es geschickt, "Grazy Mampfi´s Vitalität
musikalisch zu kanalisieren. Und so erfreute sich das Publikum
hauptsächlich an Mampfi´s Rhythmusgitarre und seinem intonationssicheren
Gesang. Halleluja! Dank dieser Qualitäten Mampfi´s, konnte Otto, nun in
Ehrenbreitstein, mit Mampfi die Gitarren und auch das Song-Repertoire nach
Gutdünken tauschen. Für meinen Teil zahlte es sich jetzt aus, dass ich
in den vergangenen Monaten dank Bernd Loskill, Otto Veek und "Grazy-Mampfi",
meine Bühnenreife erlangt hatte. Solcher Art interpretierten wir nun im
Trio, dreimal wöchentlich, allerlei angesagte Beat Hits - dieses
gelegentlich auch mal eigenwillig. Dem Publikum gefiel es! Mit dem Ende
unseres Vertrags kam auch die Auflösung von "The Brain Amputated".
Otto ging notwendigerweise wieder als Alleinunterhalter mit Tanzmucke im
Touristeneinzugsgebiet zwischen Rhein und Mosel echtes Geld verdienen. Und
"Grazy-Mampfi", so jedenfalls das Gerücht, ging wegen
irgendwelcher "rituellen" Handlungen erstmal Tüten kleben.
Währendessen winkte Bernd Loskill ein erster Schallplattenvertrag mit den
"Rebbels".
Und was tat ich als nächstes, im April 1965, abgesehen von meiner Lehre
als Schaufenstergestalter im Kaufhof? Ich fuhr in Urlaub. Genauer: ich bewegte mich in Begleitung zweier
Truxa- und Black Bottomgänger, namentlich Josef Dennig und Georg Müller,
per Anhalter auf der Route National 3 in Richtung Paris. Nach der ersten
scheußlichen Übernachtung im Freien, am Rand der Straße, kurz vor
Carlon sur Marne, kletterten wir drei vor Kälte schlotternd in den
zerschossenen Renault4 eines fahnenflüchtigen Fremdenlegionärs. Nun
folgte eine wahnwitzige Raserei durch dichte Nebelbänke, auf kaputten
Stoßdämpfern. Schneller als gedacht und unversehrt, standen drei
Koblenzer im Zentrum von Paris, auf dem sonnenüberfluteten Place de la
Concorde, gegenüber der Champs Elysee. Unser Ziel aber war das Quartier
Latin.
Dort, im Quartier Latin, in der Rue de la Huchette, war das Cafe Chez
Popov. Das "Popov"
(orthographié aussi Chez Popoff) wurde
von einem alten russischen Ehepaar betrieben und war die angesagte Adresse
für Beatniks, Existentialisten und Gammler aus aller Welt. Mir fiel auf, dass die französischen
Existentialisten Beatles-Frisuren trugen - oder war´s umgekehrt?
Vielerlei Ethnien betrieben kleine Läden in den Gassen. Allerlei Zucker-
und Honigware in den arabischen Schaufenstern. Am Seineufer schrieben
Beat-Poeten Gedichte in mein Reisebuch. Mit Clochards und Gammlern abends
gemeinsam die fade Armensuppe im Innenhof der Kirche Saint Severin
geschlürft. Per Metro kreuz und quer durch das Tunnelnetz. Bei gutem
Wetter Straßengaukler auf den öffentlichen Plätzen. Im Louvre war mehr
mein analytisches Auge denn mein Ohr gefragt - beeindruckend die
Maltechnik des 17. und 18. Jahrhunderts. Im Innenhof der islamischen
Moschee Tee auf Kandiszucker getrunken. Flicks, energisch den
sechsspurigen Verkehr dirigierend. Auf dem Boulevard St. Michel lungerten
ausgeflippte Freaks und seltsame Heilige. Am Pont-Neuf machten Flamenco
Gitarreros Station auf ihrem Weg nach Saintes-Maries-de-la-Mer an der
Côte d'Azur zum Zigeunerfestival - ich sag 'nur: Manitas de Plata.
Öffentliche Pissoirhäuschen im Jugendstil, sehr geschmackvoll gestaltet.
Mein billiger Fotoapparat wurde geklaut, deshalb keine Fotos von Juliette
Greco. Mit Beatniks in einer ruinierten Villa am Montparnasse
Nachtquartier bezogen. Tags drauf wieder in´s "Chez Popow".
Studenten-Demonstrationen in den Strassen. Plakate gegen soziale
Missstände, Krieg und atomare Aufrüstung - Präludium zur großen
Revolte Mai 1968.
Drei Wochen später, ich war zurück in Koblenz, spähten die "King
Beats" nach einem neuen
Schlagzeuger. Denn Ihr bisheriger, Ewald
Ramroth, trug
zwischenzeitlich den knitterfreien Hut und das graue Ehrenkleid der Nation
bei der Bundeswehr. Ich dagegen trug wieder den Deko-Kittel eines
Schaufenstergestalters im Kaufhof. Dort auch suchte mich "Moses"
(Foto li.),
der Sänger der "King Beats" auf. Klopfte von außen gegen die
Schaufensterscheibe und fragte an, ob ich das kommende Wochenende für die
"King Beats" trommeln würde. Die ihres Schlagzeugers beraubten
"King Beats" bestanden zu diesem Zeitpunkt aus Peter
Wahlen (Lead git+voc), Bernd
"Moses" (voc+tamburin), Dieter
Uersfeld (rhyth-git), Hansi
Schmidt (Höfner-bass). Die
"King Beats" waren mir in diesem Moment kein Begriff.
"Moses" dagegen schon. Denn "Moses" und Hansi Schmidt
waren häufige Besucher unserer Gigs in der Ehrenbreitsteiner Tanzbar
gewesen, wobei Bernd Loskill schon mal seinen Basspart einen Song lang
Hansi Schmidt überließ, der so nett darum bitten konnte. Also sagte ich
"Moses" für das kommende Wochenende blind zu, unwissend,
welches musikalische Nivau mich bei den "King Beats" erwarten
würde.
Mit meinem Schlagwerk im Rücken wieder komplett, bestritten die
"King Beats" eine überzeugende Vorstellung in einem Lokal
irgendwo bei Vallendar. Diesem Wochenende folgten etliche Gigs. Sowohl
entlang der rechtsrheinischen Schiene zwischen Ehrenbreitstein und Neuwied
als auch kreuz und quer durch den Unterwesterwaldkreis. Und weil bei den
Veranstaltern durchgedrungen war, dass wir die Lokalitäten auch füllten,
fand es "Mutti"
lukrativ, (Mutti war die Wirtin des "Dähler
Eck´s" in
Ehrenbreitstein) mit uns gleich einen Monatsvertrag abzuschließen.
"Mutti" war eine resolute Person von dreieinhalb Zentnern
Kampfgewicht. Die Pfunde kamen natürlich nicht allein von den winzigen
Portionen Kartoffelsalat mit Phosphatschlauch + Senf oder Russisch Ei,
davon Mutti der Band in den folgenden vier Wochen vertragsgemäß die
Pausenmalzeit servierte.
Eines Mittags, im Kaufhof, angetan mit einem Farben bekleckerten OP-Kittel
und auf dem Weg zur Lehrlingskantine, begegnete ich Werner
Bodinek. Werner (Foto
re.), seinerseits
blütenweiß bekittelt, machte seine Lehre als Einzelhandelskaufmann in
der Lebensmittelabteilung. Nachdem er mich auf dem gemeinsamen Weg in die
Mittagspause darüber aufgeklärt hatte, dass eine Brühwurst im zarten
Saitling eigentlich doch eine feine Sache sei, kamen wir auf meine
regelmäßige Musikertätigkeit zu sprechen. Dabei enttarnte sich Werner
als Gitarrist. Nun gut! Zurzeit gaben sich in Koblenz leichterdings eine
Unzahl Dilettanten als Gitarrist aus. Als ich jedoch hintersinnig den
Akkord "B Moll 7" erwähnte und derselbe Werner was zu sagen
schien - wobei er diesen bei Bedarf mit noch weiteren vierzig Akkorden auf
der Gitarre harmonisch zu verbinden vorgab - da verabredete ich einen
Besuch in Werners Wohnort Höhr-Grenzhausen.
Werner Bodinek zeigte mir seine LP-Sammlung. Danach griff er seiner
E-Gitarre in die Saiten und sang "Tired
of Waiting for You"
von den Kinks. Kurzum: für den nächsten Wochenend-Gig wurde Werner
Bodinek gegen den bisherigen Rhythmusgitarristen der "King
Beats", Dieter Uersfeld, eingewechselt. Der Ausgewechselte war vorher
weder von dem anstehenden Gig noch seiner bevorstehenden Auswechslung
unterrichtet worden. So kurz und bündig konnte damals ein Wechsel
vollzogen werden. Werner Bodinek war halt ein kompletter Musiker. Mit
seiner exzellent gespielten Rhythmusgitarre und seinem Solo- und
Backing-Gesang bewies sich Werner als die versprochene substantielle
Bereicherung. Ab da spielten die "King Beats" in der Besetzung:
Peter Wahlen (lead git+voc), Bernd "Moses" (voc+tamburin),
Werner Bodinek (rhyt-git+voc), Hansi Schmidt (b), Rick E. Loef (dr).
Nicht lange, da ereilte selbiges Schicksal auch unseren Lead-Gitarristen
und Sänger Peter Wahlen. Damals der Älteste der "King Beats"
und Zeitsoldat und Unteroffizier mit vorschriftsmäßig ausrasiertem
Nacken. Peter Wahlen, vormals "Cadillacs" (Foto
re.),
repräsentierte da noch mehr die 50'er als die 60'er Jahre. Seine Sanges-
und Gitarren Performance war auffallend dem Stil der "Blue
Diamonds" und dem der Indonesisch-Holländischen Band "The
Tielmann Brothers" verpflichtet. Mit reichlich Schmelz in der Stimme,
sang Peter "Pretty Woman" oder "Unchained Melody",
sodass den Damen die Dralonunterwäsche schmolz. Dahingehend war Peter ein
durchaus bemerkenswerter Sänger. Nun aber wurde Peter Wahlen gegen einen
wesentlich jüngeren und gleichwohl am musikalischen Puls der Zeit
orientierten Gitarristen ausgetauscht. Und das kam so: Unser Bassist Hansi
Schmidt befindet sich im "Musikhaus Schmidt" in der
Firmungstrasse und gedenkt eben mal einen Satz neuer Basssaiten zu kaufen.
Mit einmal wird er total hellhörig. Testet da doch ein junger Pennäler
mit Intellektuellen-Brille und dünnem Ziegenbärtchen verschiedene
Plektren an der E-Gitarre, im Rücken einen 100 Watt Dynacord-Git-Amp.
Unverzüglich verabredet Hansi eine Zweier-Session auf seiner Bude.
Während der Session dämmerte es Hansi zwingend, dass, beim
bevorstehenden Gig am Wochenende in Braubach, dieser Schüler des St.
Johannes Gymnasiums die Lead-Gitarre der "King Beats" spielen
muss. Sein Name ist Otmar
Vosswinkel (Foto
unten). Nach Werner
Bodinek abermals ein Glücksfall für die "King Beats".
Von den ursprünglichen "King Beats" verblieben demzufolge nur
noch Zwei in der Band. Nämlich der Lead Sänger und Tamburin-Schläger
"Moses" und der Bassist Hansi Schmidt. "Moses" hatte
eine warme, eingängige Stimme. Zu dieser kontrastierte Werners Metall in
der Kehle - und das war nicht aus Blech! Dahingehend konnten sich die
Beiden das Gesangsrepertoire entsprechend aufteilen. Tagsüber arbeitete
"Moses" als Fernmeldetechniker, wenn ich nicht irre. Jedenfalls
erlernte Hansi bei der Dresdner Bank seinen Hauptberuf. Ich bin ziemlich
sicher, dass sich Hansi an seinem dortigen Arbeitsplatz so wenig
verzählte wie auch auf der Bühne. Denn nicht nur wenn wir "Keep On
Running" (Spencer Davis Group) spielten, hätte jedes Taktell gleich
Hansi Schmidt heißen können, derart präzise stimmte sein Timing am Bass
- der mittlerweile ein "Fender" war - mit meiner Fußarbeit an
der Bass Drum überein.
Also verbuchten die "King Beats" drei sukzessive Neuzugänge im
ersten Halbjahr 1965. Und zwar in der Reihenfolge: Rick Loef (dr), Werner
Bodinek (rhyt-git+voc), Otmar Vosswinkel
(lead-git). Mit neuem
Selbstbewusstsein und in veränderter Schreibweise, nannten wir uns jetzt
" KinK Beats
". Als Indikativ zu den obligatorischen Tanzpausen wählten wir das
Intro von "You Really Got Me"(Kinks). Denn das schien uns ebenso
vollfettdoppelrahm rüberzukommen wie Ludwig van´s DadadaDAAAA aus seiner
Fünften. Auf einem unserer 1966'er-Veranstaltungsplakate gab es den
sinnig bis blödsinnigen Spruch zu lesen: "James Bond ist hart, die
KinK Beats sind härter ...". All das war der
natürliche Ausdruck eines neu aufkeimenden Selbstverständnisses auf
breiter Front, sozusagen Begleiterscheinung zum Auftakt einer sich
letztlich historisch und weltweit manifestierenden Musikrichtung. Auch
unser Equipment sah mittlerweile professionell aus und klang
dementsprechend. Werner hatte seinen Selmer Git-Amp, Otmar seinen Vox
Git-Amp, Hansi seinen Selmer Goliath Bass-Amp, "Moses" sein
fellloses Schellentamburin. Und ich hatte eine voll verchromte Ludwig
Snare Drum 6,5 x 14 Zoll mit Parallelabhebung und… als Top ein
Nietenbecken auf der Hi Hat. Im Kessel meiner Stand-Tom, beziehungsweise
auf deren Resonanzfell, hüpften bei jedem Trommelschlag effektvoll ein
paar dicke Schraubenmuttern. Otmar Vosswinkel hatte seine bislang
werkseitig belassene "Eko"- Gitarre am Saitenbesatz und an
diversen elektronischen Innereien manipuliert. Begeistert von Otmars
Gitarren-Sound, bot der Gitarrist der Frankfurter "Kentuckys"
nach einem Gig in Güls, seine "Burns Hank Marvin"-Gitarre als
Tauschobjekt dagegen, jedoch vergebens. Dafür schenkte er mir bei einem
späteren Treffen in Bilos
Milchbar seine Jeansjacke,
die als solche meine erste war, und die ich, in doppeltem Sinne, mit Stolz
trug.
Längst produzierten die "KinK Beats" das, was der geneigte
Hörer einen fetten und charakteristischen Sound nennt. Übrigens kann ich
mich nicht erinnern, dass unseren zahlreichen Gigs jemals eine gemeinsame
Probe, genauer gesagt, eine Probe mit vollzähligen Bandmitgliedern
vorausgegangen wäre. Die auf der Bühne voll versammelte Mannschaft
interpretierte problemlos jeden neu hinzugenommenen Song als quasi
bühnenreife Stand up-Probe. Zugegebenermaßen hatten jedoch alle ihre
Hausaufgaben dafür mitgebracht.
Dann kam der denkwürdige Abend im "Evangelischen
Gemeinde Zentrum" in
Koblenz 1966, kurz "Beat Night" genannt. Bereits im Jahr zuvor
hatten wir daran teilgenommen. Da gewannen die fantastischen "Thunderbirds"
aus Remagen den Wettbewerb, u. a. mit "It´s My Life" von Eric
Burdon. Diesmal aber, um ein weiteres Jahr an Bühnenerfahrung reicher,
trumpften wir "KinK Beats" nicht nur diesem Zugewinn angemessen,
sondern geradezu frech auf. Selbst mein Schlagzeug stand nicht wie üblich
brav hinter den Gitarrenspielern, sondern war unmittelbar an der
Bühnenrampe platziert, sodass ich mich, während des Trommelns, von
meinen gitarrenbewährten Jungs rechts und links flankiert sah. Unserem
Bandnamen verpflichtet, eröffneten wir mit "You Really Got Me"
von den "Kinks". Das Publikum geriet sogleich in Bewegung. Mit
dem zweiten Stück "All Day And All Of The Night", ebenfalls von
den "Kinks", schoss das Stimmungsthermometer in die Höhe. Und
noch vor den Schlussakkorden unseres dritten Stücks "Buzz The Jerk"
von den "Pretty Things", war die Bombe bereits geplatzt. Als zum
Entsetzen des Hausherrn dann auch noch ein Teil des Publikums im
Überschwang die Bühne stürmte, legten wir unverzüglich mit dem vierten
Stück nach - eigentlich die Zugabe: "Midnight To Six Man" von
den "Pretty Things". Gleich brach der finale Tumult aus.
Zeitweilig verlor ich den Sicht- und Hörkontakt zu meinen Mitmusikern,
nicht aber das Timing. Weil zu alldem unsere Zugabe ohne Genehmigung der
Gymnasiallehrer-Jury nebst dem Gemeindepfarrer erfolgt war, wurden wir
"KinK Beats", in alphabetischer Reihenfolge: Werner Bodinek (ryth-git+voc),
Rick Loef (dr), Bernd "Moses" (tambourin+voc), Hansi Schmidt (b),
Otmar Vosswinkel (lead git+voc), schlichtweg disqualifiziert.
Mittelfristig aber brachte der Nachhall dieses Auftritts den "KinK
Beats" einen Dreimonatsvertrag fürs "Hille
Bille" in Weißenthurm
ein. Wie Witzig! Im "Hille Bille" spielten schließlich nur die
Besten.
Bis hierhin der Versuch, meine zwei Jahre als Mitstreiter der "KinK
Beats" 1965 und `66 chronologisch zu fassen. Nach 45 Jahren keine
leichte Aufgabe. Wer von uns dachte damals schon daran, die Ereignisse und
Stationen zu protokollieren? Zudem muss manches an hiesiger Stelle, auch
im Sinne einer kurzen Zusammenfassung, unvollständig oder ausgespart
bleiben. Ich will aber noch erwähnen, dass, kurz vor Ablauf unseres
dreimonatigen Engagements in Weißenturm im "Hille Bille",
Werner Bodinek bereits im Begriff war, sich musikalisch anderweitig zu
orientieren. Nach dessen Ausscheiden, und quasi in letzter Minute vor der
endgültigen Auflösung der hier zitierten "KinK Beats", nahm Rüdiger
Lenkeit als
Rhythmusgitarrist für kurze Zeit die Stelle von Werner Bodinek ein, quasi
um das Licht auszumachen. Jedenfalls brachte Rüdiger Lenkeit eine Menge
musikalischen Ehrgeiz mit.
Nach dem Ende meiner Aktivitäten als Beat-Musiker, so vernahm ich, soll
das Licht der "KinK Beats" für kurze Zeit noch einmal
aufgeflackert sein - an meiner Statt wieder mit Ewald Ramroth am
Schlagzeug. Zu dieser Zeit war ich schon der Bildenden Kunst zugewandt.
Und als im März 1973 Frau Dr. Velte drei meiner Bildwerke für die
öffentliche Sammlung des Mittelrhein Museums in Koblenz ankaufte, wer war
da mein erster Poster-Verleger? Einer jener Männer der ersten Stunden des
Krautrocks überhaupt: Fred
Dortants! Seines Zeichens
Mitbegründer der "Gitar
Men" und der
Ur-"Rebbels" - mit denen 1961 in Koblenz alles anfing.
Ich fordere vor diesem
Hintergrund und somit für alle damaligen Koblenzer- und assoziierten
Krautrocker: "Ein riesiges Bronze-Denkmal auf das Deutsche Eck
!!!"
Wen jetzt noch interessiert, wie es in den nachfolgenden Jahren
künstlerisch mit mir weiter ging, der/die geht einfach auf meine Homepage
www.rick-e-loef.de
In diesem Sinne und mit den "Kinks" gefragt: "Where Have
All The Good Times Gone ?" Oder besser noch mit den Rebbels:
"Alles Monkey Monkey ?"
Euer
Rick E. Loef
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