zurück / back          Übersicht / sitemap          Start / home     

 

 

 

The Ragtime Skifflers

1960: Die wilden Rock'n'Roll Jahre waren vorbei. Highschool & Teenage Interpreten wie Pat Boone, Paul Anka, Connie Francis, Frankie Avalon und Fabian hatten das Sagen und präsentierten eine gezähmte Form des Rock'n'Roll.
Wesentlich erdiger und unkonventioneller kam hingegen eine Musikbewegung aus England, die auf anglo-, aber auch afro-amerikanische Folk-, Country-, Blues- und Jazzmusik basierte - Skiffle.
Lonnie Donegan war der neue "Hero" und die Songs hießen Rock Island Line, My Old Man`s A Dustman, Don`t You Rock Me Daddy-O oder Have A Drink On Me.
In Berlin spielten Formationen wie die
Skiffle Lords, die Gloomy Moon Skiffle Group oder auch die Ragtime Skifflers um das "Goldene Waschbrett", einen vom Berliner Senat ausgerufenen Wettbewerb.

Die Ragtime Skifflers bestanden aus den drei Schulfreunden
Gunnar Schäfer (g.), Gerhard Dlugi (g.), Ax Genrich (Waschbrett) plus Rainer Petry (Banjo) und Ernst Büsing (Skiffle Bass).

Ax erinnert sich: "Rainer Petry (Lord Ghandi) war Banjospieler in unserer Skifflegroup "the Ragtime Skifflers". Er verließ uns aber bald um zu den Skiffle Lords zu wechseln. Die Skiffle Lords bestanden aus Ulli Günther (Lord Ulli) voc. Skifflebass// Peter Lietz (LordLeo) Banjo// Rainer Petry (Lord Ghandi) Rhythmus Gitarre// Andi Neumann, Solo Gitarre// Wuffi Hinneberg, Rhythmus Gitarre// & Reinhard Gielof (Löffel) Waschbrett."

Andi und Wuffi verließen die Skiffle Lords um die Phantoms zu gründen, eine der ersten Shadows und Ventures orientierten Bands in Berlin mit Fendergitarren. Darauf holte Ghandi seine alten Kumpel Gerhard Dlugi Rhythmusgitarre und mich, Banjo, zu den Skiffle Lords. Und da gab es den legenderen Auftritt Sylvester 62-63 im New Orleans in Berlin-Schöneberg, wo Ulli verkündete, ab heute heißen wir nur noch The Lords und ich werde nur noch singen und das Repertoire wird radikal verändert und überhaupt, Skiffle ade."
Ax: "Mittlerweile war Twist angesagt, mit längeren Haaren, aber immer noch Melonen und Fliegen und schwarzen Twisthosen zu den weißen Nyltesthemden a`San Tropez. Lord Ulli stellte seinen Skifflebass, den schwarz weißen mit einem richtigen Steg und einer Darmsaite zum Slappen in die Ecke und ich wechselte vom Banjo zum E-Bass, den Höfner mit dem weißen Kunstlederbezug und dem schwarzen Hals. Lord Ulli hat mich immer ermutigt und bei "Bop a Lena" saß ich auf seinen Schultern, den Boogie zupfend.

Ax: "Es gab wohl Konkurrenz zwischen Ulli und Gerhard Dlugi, der ja auch Sänger war und zwei elektrisch verstärkte Rhythmusgitarren waren zuviel. Zudem saß bei allen Lordsauftritten der Sologitarrist der "Ragtime Skifflers" Gunnar Schäfer einsam vor der Bühne. Da Gunnar, Gerhard und ich in eine Klasse gingen, beschlossen wir die Lords zu verlassen und die Rockin' Chairs zu gründen."


 

 

The Rockin' Chairs

Michael Ermel
: Ax und ich kannten uns seit den 50'er Jahren, besuchten dieselbe Schule bis zu seinem Wechsel in die Wald-Oberschule, wo er Gunnar und Gerhard kennenlernte. Ax und ich gingen denselben musikalischen Weg: vom Traditional Jazz (er am Banjo, ich am Schlagzeug) über den Skiffle bis zur "Beatband" - den Rockin' Chairs. Ax war es, der mich 1963 zur Gründung der Rockin' Chairs holte. Die Band mit mir als Drummer bildete eine Keimzelle für erfolgreiche Profi-Musiker, wie man an den Lebensläufen meiner drei Mitspieler sehen kann. Doch zunächst waren wir eine Berliner Amateur-Beat-Band, die von 1963 bis 1965 in Berliner Musikclubs und Jugendheimen auftrat.
Eine Zeitlang waren wir Hausband im "
Western Saloon" am Klinkeplatz in Spandau, das Werbeposter dazu hing an allen Litfaßsäulen.
Doch der musikalische Höhepunkt der Berliner Zeit der Rockin' Chairs war 1964-65 unser Engagement als Hausband im "
New Orleans" in der Martin-Luther-Straße 22-24 in Schöneberg. Das "New Orleans" war eigentlich, wie der Name sagt, ein Musikclub für traditionellen Jazz. Die Gegend war "abgefahren": Das Gebäude selbst war eine Ruine, der nach Bombardierung stehengebliebene Rest des berühmten Berliner Varietés "Scala", nebenan wurde ein Hippodrom betrieben, in dem gewisse Damen auf Pferden Schaureiten boten, vis-à-vis traf sich die Transvestiten-Szene im ebenfalls sehr bekannten "Eldorado".

Das New Orleans hatte die Zeichen der Zeit erkannt und sich der Beat-Welle geöffnet. Da herrschte eine unbeschreiblich anregende musikalische Atmosphäre, selbst Drafi Deutscher zog es dahin. Da wurden wir gefordert, das Beste zu geben, da waren wir kreativ, probierten Neues aus und erlangten beinahe "Kultstatus", indem wir nicht nur "Beat" sondern zu der Zeit etwas Neues, den Rhythm 'n' Blues, darboten. Von weit her kamen Rhythm 'n' Blues-Fans, um uns zu hören.

Die Rockin' Chairs in Originalbesetzung!
Ax Genrich (g), Michael Ermel (dr), Gerhard Dlugi (voc) + Gunnar Schäfer (b)
siehe Foto links

Ax: "Zunächst, mit Ax am Bass und Gunnar an der Leadgitarre, waren die Rockin` Chairs eher an Cliff Richard und den Shadows orientiert. Ich habe dann mit Gunnar, der ja Leadgitarre spielte, die Instrumente getauscht. Ab da, mit mir als Leadgitarristen spielten wir das Chuck Berry - Stones orientierte Rhythm & Blues Repertoire.

Michael Ermel: Auf der Höhe unserer Beliebtheit drängte es uns zum Profi-Status, es galt, berühmt und noch erfolgreicher zu werden und das nicht im kleinen West-Berlin, sondern in Westdeutschland.
Ich blieb dennoch in Berlin, studierte weiter und in dem Jahr, in dem Ax sein "Highdelberg"-Album veröffentlichte, verfasste ich meine Dissertation. Ich betätigte mich nebenher als Drummer in diversen Musikgruppen und blieb der Rockmusik als Hobby bis heute treu.


Einer ihrer großen Auftritte fand beim Sechstagerennen in der Deutschlandhalle am 25. Januar 1965 statt - v.l.n.r.: Ax G., Gerhard D., Michael E.

Die Zeit im "Hille Bille":

Ax: "Der Kontakt zu Hans Reitz und dem Hille Bille Tanzkeller in Weißenthurm kam über eine Freundin von Gerhard Dlugi zustande. Wir haben aber auch ein Demoband (Tonband), was als Masterband wohl leider verschollen ist, hingeschickt. Drummer Michael Ermel hatte mit seinem Studium begonnen, war über beide Ohren verliebt, und wollte nicht mit uns nach Weißenthurm, um Profi zu werden. Axel Wolf haben wir durch Anzeigen in Musikgeschäften gefunden. Er hat zuvor in einer anderen Band getrommelt und wir haben ihn erst im Hille Bille richtig kennengelernt."

Die Rockin`Chairs gastierten zweimal über Monate im Hille Bille.

Ax: "In den Sixties verbrachte ich zwei wichtige Jahre meines jungen Lebens mit meinen Kumpels in der Koblenzer Gegend, aber auch in Mainz, Frankfurt, Darmstadt und Siegen. Da gab es diese Beatschuppen, die den Bands Monatsengagements anboten, Kost und Logie frei und einer Gage, von der hauptsächlich Instrumente gekauft wurden."



Der Parkplatz im Vorhof vor dem Hille Bille Keller.   



Ax: "Tagaus tagein spielten wir im Hille Bille Keller als lebende Musikbox mit Hans Reitz (Bild links im Kreise der Dogs) als Übervater, der uns natürlich verbot mal zwischendurch woanders aufzutreten. Besonders am Wochenende war das ziemlich stressig und da wir neben unserem Rhythm & Blues Titeln auch Stücke aus der Hitparade draufhaben mussten, blieb kaum Zeit eigene Stücke zu komponieren."

Während die Lords Hit nach Hit landeten und mehr Tonträger verkauften als jede andere deutsche Band, existiert von den Rockin` Chairs nicht eine einzige Scheibe.
Ax: "Wie kann ich mir das erklären? Ganz einfach - wir waren zu blauäugig und als Berliner Band vielleicht auch zu eingebildet und haben keinen einzigen Tonträger hingekriegt."

Aber das sollte sich ändern !!!

 



v.l.n.r.: Gunnar Schäfer (b) Ax Genrich (lead) Gerhard Dlugi (voc/ g) + Axel Wolf (dr).


 

Gerhard Dlugi   &   " G l o r i a  "

 

Ausgerechnet eine deutschgesungene Version des Them/Van Morrison Songs Gloria veröffentlichte Gerhard Dlugi auf dem kleinen hessischen Plattenlabel Duo.

"
Sag` mir doch wie du heißt, meinte ich und sie blieb stehn.
Okay, sagt sie, damit du`s weißt, doch ich will dich nie wiedersehn.
Her name was G - l - o - r - i - a ....
"

Eine fetzige Version mit Fuzzgitarre.

 

Der Kultsong
G - L - O - R - I - A
erschien erstmals im Januar 1965. Allerdings gerade mal als b/s der
Them Single "Baby Please Don`t Go" (UK No. 10). Wesentlich erfolgreicher war die US-Version der Chicago-Garagen Rocker Shadows Of Knight (US No.6).
In Deutschland erreichte Gloria spätestens von da ab Kultcharakter, als die Berliner
Boots den 3-Akkord Song mit der magischen Buchstabenfolge im ARD Beatclub am 12.02.1966 zum Besten gaben. Auch The Hounddogs und The Vanguards kamen aus Berlin !

 

weitere Singles mit Gerhard Dlugi:
(Dank an Paul Breitbach aus Polch für die Bereitstellung zum Scannen)

   

"Kokain" (Text und Musik: Hannes Wader) / "El Matador"


 

"Ich wollte eigentlich..." / "Das Blümchen Johanna"
Gerhard Dlugi & Bernhard Wedding

 

...und hier noch ein YouTube Clip mit Gerhard:


Im August 2008 verstarb Gerhard - R.I.P.


 

 

Gunnar Schäfer   &   The Rollicks

The Rollicks aus Berlin waren mit das Schärfste und Originellste was Deutschland zu "beaten" hatte. Im K 52 in Frankfurt stellten sie mit 100 Stunden den Dauerbeat-Weltrekord auf. Ihr "Totenschiff" war das melo-dramatischste Instrumental, das in den Sixties in good old Germany auf Vinyl gepresst wurde.

Die Besetzung bestand aus
Rolf Tracht (lead, voc) Wolfgang "Pimmel" Mieles (voc) Georg "Toni" Schneider (b) Peter Hauke (dr) und Lothar "Honky" Böse (org).
Peter Hauke sollte später das
Bacillus-Label günden.

1967/68 stieß
Gunnar Schäfer für Georg Schneider als Bassist zu den Rollicks.

Hier lernte Gunnar auch
Rainer Marz kennen. Gemeinsam mit Ringo Funk (ex-The Kentuckys) sollten sie 1969 Jeronimo gründen (mit Peter Hauke als Manager).


 

Jeronimo

Ringo Funk (dr) Rainer Marz (g) Gunnar Schäfer (b)


Bereits die ersten beiden Singleaufnahmen schlugen voll ein und etablierten
Jeronimo in der obersten Liga der deutschen Rockszene.

Heya Heya
war die Coverversion eines Songs von J.J. Light, alias Jimmy Stallings (Bassist des Sir Douglas Quintetts).

 

Na Na Hey Hey Kiss Him Goodbye
war im Original ein weltweiter Hit einer US - Formation namens Steam, die sich primär aus Studiomusiker zusammensetzte.

 

 

Jeronimo gelang es erfolgreich beiden Songs durch eine gehörige Portion Bass'n'Drums, sägenden Gitarren und voluminösen Chorgesängen neues Leben einzuverleiben.
Die Zeitschrift
Musikmarkt führte Heya als Platz 13 (Erstplatzierung am 13.12.69) und Na Na Na Hey Kiss Him Goodbye als Platz 38 (Erstplatzierung 21.02.70) in den deutschen Verkaufscharts, wobei beide Songs in den Hörer-/ Lesercharts der gängigen Rundfunksendungen bzw. Musikblätter sicherlich höher geführt wurden.
Legendär wie originell die Verkaufsidee ihrer Firma Bellaphon das Doppelalbum
Spirit Orgaszmus im Doppelpack mit Jeronimo und der neuen US-Sensation Creedence Clearwater Revival zu verkaufen. Das Cover, ein erigierter Penis, der die Köpfe der Musiker ejakuliert, sorgte seiner Zeit für generationsübergreifenden Zündstoff.


P.S. zur
Fußball EM 2008 wird Jeronimo wieder mit einer kleinen Überraschung aufwarten.

 
 

Einige Singles der frühen 70'er: Gunnar Schäfer mit Jeronimo:

"Admiral" Label   Kind Of Feelin' / Save Our Souls, SOS (1971)   "Time Ride" (3/72)   "Understanding"
 

 

weiter mit Ax Genrich...
:: "1967 - Das große Sterben der Beat - Bands hatte begonnen und wie alle europäischen Gitarristen stand Ax fassungslos vor dem Phänomen Jimi Hendrix. Er begann an der Akademie für Grafik-Design am Einsteinufer zu studieren und geriet mitten in die Studentenunruhen." (Quelle: "The Best of Ax Genrich" - Booklet) ::
 

Ax: "Nach den Rockin Chairs habe ich ein Hochschulstudium begonnen an der Akademie am Einsteinufer - heute HBK. Dort traf ich auch Dieter Möbius (Cluster/Harmonia) Edgar Froese (Tangerine Dream) Peter Wolbrandt (Kraan) und andere Musiker.
Ich beteiligte mich an einigen Musikprojekten, aber meistens kurzfristiger Art: Die "Soundtracks" mit Hendrix-Covern, woraus "Gao Tai" entstand, ein Trio mit Cream-ähnlicher Musik.
Dann
East-West, wo ich wieder Bass spielte, mit Tommy Goldschmidt (Karthago) an den Drums."

v.l.n.r.: Ax Genrich, Peter "Kalle" Kahl, Tommy Goldschmidt + Attilio Fabroni.
[Quelle: Karthagoweb]
Das Foto Ende der 60'er wurde in Bad Harzburg aufgenommen. East West waren Vorgruppe der englischen
Rainbows, mit dem späteren Uriah Heep-Sänger.

weitere Stationen:... Ax: "Musictransmission mit Tommy und George Früchtenicht (Walpurgis) am Bass, der ein Fan von Gao Tai war und versuchte sowas wie Guru Guru hinzukriegen, die ich ja zu dem Zeitpunkt noch gar nicht kannte.
Light of Mingus mit dem Pianisten Mike Woerle und eben Agitation Free.
Alles in allem war es für mich eine sehr wichtige Zeit, weil ich mich als Gitarrist freispielen konnte, um einen eigenen Stil zu finden. Und überhaupt, diese wilden Jahre in Berlin mitzuerleben war natürlich ein besonderes Privileg, von dem ich ja heute noch zehre."

"Alles mit der Hand sprach der Praktikant!
Kind und Kegel kennt die Regel.
Gevögelt werden ist nich schwer,
selber vögeln aber sehr!"

Die zweite LP
Hinten von Guru Guru (u.a. mit Electric Junk) sorgte optisch und inhaltlich für einige Unruhe in bundesdeutschen Plattenläden.

 

 

Ax   &   Guru Guru:


Von 1970 - 1974 spielte Ax bei Guru Guru gemeinsam mit
Mani Neumeier und Uli Trepte, die die Band 1968 gründeten.
In dieser vermutlich erfolgreichsten und kreativsten Phase der Band, spielte Ax 5 Alben mit ein.
UFO – LP, 1970 // Hinten – LP, 1971 // Känguru – LP, 1972 // Guru Guru – LP, 1973 // Don't Call Us, We Call You – LP, 1973
1975 erfolgte Axs Solo-Debutalbum
Highdelberg mit illustren musikalischen Gästen:
Jan Friede und Mani Neumeier (drums); Helmut Hattler (bass); Achim Roedelius (organ); Dieter Moebius (Synthesizer) und Peter Wolbrandt (guitar).

 
UFO (6/70)
mit dem Schlagzeuger Mani Neumeier (Mitte) und dem Bassisten Uli Trepte (links) - [UFO Innencover]
 

kleine Auswahl der Guru Guru + A. Genrich Tonträger:

Compilation von 1973   Ax's Solo Scheibe mit "Kraan" und "Cluster" Kollegen   Live in Essen 1970 mit Guru Guru   Single: More Hot Juice / 20th Century Rock (1973)
 

 

 

Für Bilder der Rockin` Chairs danken wir: Prof. Dr.-Ing. Michael Ermel, Frank Orth
(The Stringbeats) und Helmut Hoffmann(The Thunderbirds).
Für das Cover Gerhard Dlugi - Gloria danken wir Peter Paletta.
Quelle: Edmund Thielow - The Lords, 2. Clubausgabe.


Herzlichen Dank an Ax und die tolle Zusammenarbeit
©2010 guenther@krautrockseite.de
Text+Recherche: Horst Maibach (
www.therebbels.de)

···